wettbewerbe und baukultur in Innsbruck | ein email

Lieber siegfried.

Eine spontane reaktion:

Ich teile fürs erste deine sorge um die umwandlung von blöcken aus dem vorigen jahrhundert in wesentlich dichter besiedelte stadträume, bzw. die dabei entstehenden bedrohungen für die stadtstruktur und das gewachsene stadtbild.

Ich trete allerdings deutlich für eine sachlich begründete differenzierung sowohl hinsichtlich der betroffenen stadtbausteine als auch hinsichtlich der von dir aufgezählten bauträger ein.

Fürs erste macht es für mich einen wesentlichen unterschied, ob die vom abbruch betroffenen blöcke aus der gründerzeit stammen oder später datiert sind. Die qualität der gründerzeit setze ich als stadtstruktur sehr hoch an, sowohl hinsichtlich der nutzungsoffenheit, der qualität der wohnungen, insbesondere der erdgeschosszonen, als auch bezüglich der grundstruktur der blockrandbebauung und nicht zuletzt hinsichtlich der differenzierten äußeren erscheinung.

Insofern  pflichte ich einer  kritik an den entwicklungen in diesen bereichen bei, insbesondere der block beim westbahnhof sei hier genannt. Hier läuft  der architekturwettbewerb gefahr zum schuhlöffel (das feigenblatt ist mir da zu edel) für mediokre bauten, die wesentlich nur volumensmaximierung herbeiführen, zu werden. Dies sei nicht als kritik am siegerprojekt aufgefasst, welches wohl im rahmen eines derart aufgesetzten wettbeberbs das beste ergebnis gewesen sein mag, sondern eben an der art und weise des konzepts des wettbewerbs und seiner eingeschränkten teilnehmerzahl.

Zusätzlich sehe ich zukünftig den wachsenden druck auf einzelne gründerzeithäuser, welche schon an einigen stellen durch zweifelhafte neubauten ersetzt worden sind. Der ortsbildschutz ist hier überfordert, die bau- und raumordnung zu schwach.

Auch teile ich die kritik an den nun vermehrt stadtgestalterisch recht zufällig emporschießenden türmen, an standorten, die eigentlich keine sind, und die auch jedweden benefit für die stadt vermissen lassen. Eine terrasse am obersten stockwerk ist dabei wohl zu wenig.

Anders sehe ich den sachverhalt jedoch bezüglich der, lass sie uns mit dem titel   südtirolersiedlungen subsummieren, in den 20er bis 40er jahren entstandenen baustrukturen. Hier ist zwar durchwegs  hohe außenraumqualität gegeben, jedoch dies auch auf geringer dichte. Da stellt sich natürlich die frage, ob sich die stadt diesen gering verdichteten „luxus“ in hinkunft angesichts der beschränkten geografischen ressourcen leisten will. Ich denke –nicht. Dazu kommt, dass diese siedlungen bezüglich der qualität der wohnungen selbst wohl  sehr stark abfallen was größe, raumhöhen, grundrisse, flexibilität, erdgeschoßzonen, schallschutz etc. betrifft. Selbst das einbauen von aufzügen gestaltet sich wesentlich schwieriger als bei gründerzeitblöcken. Wenn du dir grad die pläne für den eichhof ansiehst (berliner büro, 40er jahre), dann erkennst du, dass hier simpel ein haustyp gezeichnet wurde, der dann, und wie gesagt durchaus aussenraumqualitätvoll, auf dem gelände verteilt wurde. Die beziehungen zu den strassenräumen sind übrigens ohnedies nicht grad gelungen.

Dazu kommt, dass die hier angesprochenen bauträger (NHT und IIG) in vorbildlicher weise (und da vergleich einmal mit der situation in ALLEN anderen städten in ö) das auswahlverfahren architekturwettbewerb einsetzen, dies immer in kooperation mit der berufsvetretung, den grundsätzen des WSA folgend. „selbst jurierend“, wie du es in deinem schreiben und auch schon öffentlich darstellst, ist das nicht, dein vorwurf beleidigt die von der kammer nominierten Juroren und die auslober. Die wettbewerbe weisen entweder eine große anzahl an geladenen teilnehmern auf oder sind überhaupt offen. (das zeigst mir mal in einer anderen stadt).

Zudem sei erinnert, dass teile der pradler siedlungen erhalten und saniert werden, ander eben durch neue strukturen ersetzt. Die projekte die hier umgesetzt werden, sind aus meiner sicht durchwegs (also beide) von sehr hoher qualität.

Insofern, also hinsichtlich städtebau und auch hinsichtlich bauträger, sehe ich eine differenzierung angebracht.

Wies mit dem eichhof steht, weiss ich nicht, ich bin als teilnehmer betroffen, also befangen, sag/schreib aber trotzdem soviel dazu:

mein beitrag wurde nicht ausgewählt, ich hatte den großteil der siedlung zu erhalten vorgeschlagen, nur im südlichen teil stark verdichtet, um die geforderte wohnunsanzahl zu erreichen. Mal sehen, ob nur totalabbrüche weitergekommen sind.

Worums mir geht: bitte keine unpräzisen argumente, keine pauschalierungen, sondern konkrete sachliche debatte über die entwicklung unserer stadt und ihrer gestalt.

georgpendl

 

Von: DI Zenz [mailto:zenz@tirol.com] Gesendet: Mittwoch, 17. August 2016 18:18

An:

Betreff: Fw: Wettbewerb Eichhof .

An die Mitglieder des Vorstandes der Sektion Architekten Tirol und Vorarlberg.

An die Mitglieder des Wettbewerbsausschusses der Sektion Architekten.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

Sie kennen vermutlich auch die Feinheiten der von der Politik hochgelobten “Innsbrucker Wettbewerbskultur”. Sie funktioniert nach dem Taxispruch: Sie sagen wohin, ich fahre”. Ob Zima (“Q1, Leben am Pechepark”, “Q2 Stadt-Carre Wilten-Innsbruck”, Pema (P1 Turm, P2 Turm, P3….), Neue Heimat (Südtiroler Siedlungen Pradl-Ost und Pradler Saggen9 oder Innsbrucker Immobiliengesellschaft IIG: Sie alle schreiben ihre Wettbewerbe selber aus und, überspitzt formuliert, jurieren sie auch gleich, assistiert durch Stadtplanung und Planungsstadtrat, selber. Fast hätte ich die Architekten vergessen, die letztendlich als letztgültige Kompetenzinstanz ge(miss)braucht wird.

Nun drängt es mich,  Ihnen ein paar Infos zum derzeit laufenden, EU-weit offenen, 2-stufigen Wettbewerb “Wohnbebauung Eichhof in Innsbruck” – http://www.architekturwettbewerb.at/competition.php?id=1800 –  zu übermitteln. Es geht um einen Kernbereich der historisch und städtebaulich bedeutsamen Südtiroler Siedlungen in Innsbruck (Beilage: Die Südtiroler Siedlungen….) aus den Jahren 1939 bis 1943. Betroffen sind 387 Wohnungen und 7 Geschäftslokale.

  • Auslober: Innsbrucker Immobiliengesesschaft als Eigentümer (100% Stadt Innsbuck).
  • Angestrebt wird die Absiedelung (teilweise schon seit Jahren im Gang) und ein weitgehender Abbruch der vorhandenen Strukturen und eine dichte Neuverbauung.
  • Vorbilder sind 2 vorausgegangene Architektenwettbewerbe für die Teilbereiche Pradl Ost 2013 und Pradler Saggen 2014 (siehe Beilage”Die Südtiroler Siedlungen….). Siegerprojekte: Totalabriss von rund 300 Wohnungen. Erste Baustufe Pradl Ost in Bau.
  • Jury: 3 Architekten stehen 5 Vertretern der “Abbruch- und Verdichtungsfraktion” gegenüber.
  • Hearing am 15.4.2016 (Beilage): Auf die Frage, ob sich die geforderte Verdichtung auf die vorhandene Struktur beziehe? “Gemeint ist nicht die Verdichtung der vorhandenen Strukturen, sondern…..Festlegung von grundsätzlich neuen Bebauungen….” (Frage 5). Und sehr originell: Visualisierungen sind ausdrücklich nicht erwünscht (Frage 9).

Zur ersten Wettbewerbsstufe lagen 38 Beiträge vor, davon wurden 7 Beiträge (+2 Nachrücker) für die 2. Stufe ausgewählt.

Die Abgabe für die 2. Wettbewerbstufe ist für 29.09 2016 und die Jurierung  für 13.10.2016 vorgesehen.

Beim Wettbewerb geht es um vielfältige Themenbereiche:

  • Umgang mit baulicher Geschichte der Nazizeit in Ibk (Südtiroler Siedlungen in Ibk mit 2.200 Wohnungen; aber auch: Rathaustrakt Fallmerayerstraße, Neues Landhaus Landhausplatz, …… ).Dazu Reinhard Seiß ohne die siedlung zu kennen, darf ich ihnen nach kurzem blick ins internet sagen, dass ich erstaunt und erschüttert bin, dass man im jahr 2016 einen stadtteil aus den 30er-jahren (egal mit welcher (vor-)geschichte) mir nichts dir nichts abreißen will.”
  • Umgang mit Bestandsbauten, Erneuerung, Modernisierung…..
  • Umgang mit städtebaulichen und architektonischen Leistungen, die heute noch vorzeigbar sind.
  • Architektenwettbewerbe als Vehikel und Alibi für (nach meiner Meinung) eine verfehlte Stadtentwicklung. Knebelung der Lösungskompetenz der Architekten – Städteplaner, Grünraumplaner…….
  • Wo bleiben überhaupt die Raumplaner, Stadtsoziologen?
  • Umgang mit meist langjährigen und oft auch betagten Bewohnern (hinausgezahlt, hinausgelockt, hinausgemobbt).
  • usw…….

Für unterstützende und weiterführende Rückmeldungen wäre ich besonders dankbar.

Beste Grüße

Siegfried Zenz Architekt im Unruhestand und langjähriger Kammerfunktionär

Museumstrasse 6
A-6020 innsbruck

T: +43-512-586341
office@pendlarchitects.at